Interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland

Interkult Jugendl

Wie kann die Gesellschaft mit Diversität umgehen und wie können Sozialisationsinstanzen wie Elternhaus und Schule interkulturelle Kompetenzen fördern, deren Bedeutung in einer globalisierten Welt zunehmend wächst? Der Literaturmarkt hat auf diese Fragen mit einer Reihe von interkulturellen Kinder- und Jugendbüchern reagiert, die Andra Riemhofer in vorliegendem Werk umfassend analysiert. Zum einen setzt sie sich kritisch mit deren tatsächlichen Beitrag zur Entwicklung interkultureller Kompetenzen auseinander, zum anderen schafft die Autorin so eine Orientierungshilfe für die Beurteilung interkultureller Kinder- und Jugendkultur.

Das Buch ist in sechs thematische Bereiche gegliedert. Ausgangspunkt stellt eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Literaturdidaktik und dem Konzept der Interkulturalität dar, in der sowohl der Forschungsansatz als auch der gegenwärtige Forschungsstand kritisch beleuchtet werden. Riemhofer zeigt, dass die Forderung nach interkultureller Kompetenz jene ethnozentrische Perspektive widerspiegelt, die sie eigentlich zu relativieren sucht: „Wer soll was über wen (oder sich selbst) lernen und mit welchem Ergebnis?“ (S. 1f). Der Autorin gelingt es mit diesen Ausführungen, den Einstieg in das Thema interessant und differenziert zu gestalten.

In weiterer Folge geht Riemhofer darauf ein, dass interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur den Gesetzen des Marktes unterworfen ist und daher die Nachfrage, nicht aber die Qualität über das Angebot bestimmt. Diesem Umstand kommt es wohl zuschulden, dass „[w]as von Verleger_innen, Verbänden und Initiativen als pädagogisch besonders wertvoll herausgestellt wird, […] von Fachleuten wissenschaftlicher Disziplinen nicht selten als latent rassistisch entlarvt“ wird (S. 3). Somit macht die Autorin deutlich, dass viele Publikationen dem Anspruch der Förderung interkultureller Kompetenzen nicht gerecht werden. Um einen solche „Etikettenschwindel“ aufzuspüren, listet Riemhofer in Anlehnung an die Karlsruher Didaktikerin Heidi Rösch sieben Bewertungskriterien auf. Während ihr Hintergrund als Verlagskauffrau hierbei spannende Einblicke gibt, folgt im Anschluss eine Beschreibung des Verlagswesens in Deutschland, die in ihrer Ausführlichkeit für die intendierte Zielgruppe wohl weniger von Bedeutung ist.

Die große Stärke des Buches ist sicherlich die umfassende und genaue Analyse von 30 ausgewählten Kinder- und Jugendbüchern, die dem Bereich der Interkulturalität zugeordnet werden. Beginnend in Kapitel 4 zeigt Riemhofer den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Diskursen und pädagogischen Ansprüchen auf. Dabei entzaubert Riemhofer Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur, in denen Interkulturalität entweder nur oberflächlich oder als problematisch dargestellt wird. Exemplarisch wird Carolin Philipps‘ Milchkaffee und Streuselkuchen analysiert, bei dem die Autorin eine „stereotypisierte Zeichnung von Minderheiten“ feststellt, die dann zu „Repräsentanten einer Ethnie oder Kultur stilisiert werden“ (S. 74). Aufbauend auf diesen Ausführungen entwickelt Riemhofer in Kapitel 5 eine Ordnungssystematik, die es ihr ermöglicht, die Lektüre nach Handlungsorten, Autorenprofil, Figurkonstellationen und Verlagsprofil zu rastern. Diese Möglichkeiten der Lektüreauswahl und –bewertung sind vor allem für Lehrkräfte und den Buchhandel, in zweiter Linie aber auch für interessierte Eltern und eine breitere Öffentlichkeit spannend.
Kristina Langeder

Andra Riemhofer, Interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Lesen auf eigene Gefahr, Tectum Verlag Marburg, 2015. Zur Bestellung

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