„Kinder und Krieg – eine pädagogische Herausforderung“

Artikel von Dipl.Päd. Hans Peter Graß, MA

„In einem Workshop mit 13jährigen SchülerInnen erzählen junge Erwachsene mit biografischen Hintergründen in Ex-Jugoslawien von ihren persönlichen Kindheitserfahrungen in Bezug auf das Thema Krieg. Die Klasse hört gebannt zu. Es ist so ruhig, dass man hört, dass ein Mädchen leise zu weinen beginnt. Die Lehrerin nimmt sie aus der Klasse und fragt sie, ob sie den Rest des Workshops bei ihr draußen bleiben möchte. Ada* (Namen vom Autor geändert) überlegt lange und entscheidet sich dann, wieder in die Klasse zu gehen. Adas Freundin berichtet inzwischen in der Klasse, dass Ada ihren Großvater im Krieg in Kroatien verloren hat. Nachdem sich Ada wieder auf ihren Platz gesetzt hat, hört sie weiterhin aufmerksam zu. Am Schluss sucht sie die Nähe der ReferentInnen und bedankt sich bei den beiden.“

„Kinder einer Volksschulkasse malen Bilder zum Thema Krieg. Bernhard* zeichnet ein Bild, in dem Menschen auf einer großen Platte stehen, die in der Mitte auseinandergebrochen ist. Auf die Frage, was er gezeichnet habe, berichtet er, dass sein Großvater erzählt habe, im 2. Weltkrieg sei Deutschland auseinander gebrochen und er könne sich nicht vorstellen, wie ein Land auseinanderbrechen könne.“

„In einer 4.Klasse Volksschule sprechen die SchülerInnen in einem Workshop über Bilder vom Krieg. Während des Workshops verlässt Jakob* den Raum, um die Toilette aufzusuchen. Zur Überraschung der Lehrerin kommt er nicht mehr in die Klasse, sondern geht sofort nach Hause. Auf Nachfrage erfährt die Lehrerin, dass Jakobs Vater am Vorabend weggewiesen wurde. Jakob ist in der folgenden Woche äußerst verstört.“

Das Thema „Krieg“ ist für Eltern, Erziehende und LehrerInnen ein äußerst herausforderndes Thema. Wenn wir in eine Klasse eingeladen werden, über dieses Thema mit Kindern zu reden und zu arbeiten, sind wir mit Kindern konfrontiert, die unmittelbare Kriegserfahrungen erdulden mussten, mit Kindern, deren Familiengeschichte mit Krieg durchzogen ist oder mit Kindern, die zwar nicht direkt biografisch von Krieg betroffen sind, die jedoch sehr fasziniert auf Kriegsbilder und -szenarien reagieren oder in denen andere Ängste und Bedrohungsbilder durch das Thema ausgelöst und aktiviert werden.

Traumatisierte Kinder

Die schwierigste Herausforderung ist naturgemäß der Umgang von Kindern mit unmittelbaren traumatisierenden Erfahrungen. Diese Kinder brauchen natürlich das Gespräch bzw.  therapeutische Unterstützung. Im pädagogischen Alltag gilt es jedoch vielmehr, einen sicheren Ort, Kontinuität und einen geregelten, vorhersehbaren Alltag zu ermöglichten. Das Erleben von Sicherheit, Kontrollierbarkeit und Handhabbarkeit ist für die Bewältigung von Traumata von besonderer Bedeutung. Gerade in diesen Zeiten, meint etwa die Therapeutin Claudia Winklhofer, gilt es auch, schöne Geschichten zu hören, oder eine Wanderung zu machen.

Kinder mit biografischen Zugängen zum Thema „Krieg“

Anders gelagert kann die  Situation von Kindern sein, die zwar keine unmittelbaren Kriegserfahrungen jedoch biografische, familiäre Zugänge zu dem Thema haben. Wie das Beispiel von Ada zeigt, gibt es bei diesen Kindern häufig ein Bedürfnis, diese Thematik anzusprechen. Notwendig ist dabei der geschützte Rahmen, in dem die Auseinandersetzung stattfinden kann: Adas Lehrerin gibt ihr durch ihre körperliche und psychische Präsenz die Möglichkeit, sich zu entziehen und sich aber auch wieder anzunähern. Sie erkennt deren Gefühle an und hält diese auch aus, wenn sie sich negativ oder bedrohlich äußern (Tränen oder aggressive Abwehr). Kinder brauchen Unterstützung darin, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Auch wenn diese verunsichern (Fragen, Witze, Stereotype) lassen sich dahinter aufschlussreiche Details, Ängste und Haltungen erkennen, die die Befindlichkeit von Kindern offenlegen und preisgeben. Gefühle schaffen auch Betroffenheit in der Gruppe und können dadurch auch für Kinder ohne unmittelbare Kriegserfahrungen von großer Bedeutung sein.

Krieg als angstauslösender Faktor

Subtiler erweist sich die Diagnose, wenn es in der Beschäftigung mit dem Thema Krieg nicht unmittelbar darum geht. Kriegsängste verweisen häufig auf andere Ängste, die nicht selten mit Verlust, Trennung und Trauer zu tun haben. Das Beispiel von Jakob mag auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar sein. Sie bietet jedoch die Möglichkeit dessen Situation offenzulegen und zu thematisieren. Kriegs-Ängste von Kindern müssen ernstgenommen werden und dürfen nicht als unbegründet abgewehrt werden, auch wenn diese im Moment nicht verstehbar sind. Sie können auch Öffner sein und woanders hinführen – dort wo sie hingehören.

Kinder und Kriegsfaszination

Ähnlich gelagert – aber pädagogisch gelegentlich noch irritierender –  ist die Wahrnehmung von Kindern, die sich von Kriegsszenarien und –erzählungen angezogen fühlen und darauf mit Faszination reagieren. Aber auch solche Irritationen können sich als Öffner erweisen. Kinder beziehen Szenen aus dem Geschehen in ihre Phantasie und ihre Spiele ein. Wenn sie Waffen  nachbauen oder Kriegsszenarien entwickeln und nachspielen, bietet ihnen das die Möglichkeit, sich mit  ihrer unsicheren Umwelt auseinanderzusetzen und ihre Eindrücke zu bearbeiten. Verbote oder moralische Verurteilungen bringen Kinder lediglich dazu, den Erwachsenen den Blick auf ihr Innenleben zu verweigern und sie nicht daran teilnehmen zu lassen. Krieg ist ein Thema der großen Gefühle und lässt Kinder genauso wenig kalt wie Erwachsene.

Kinder haben andere Bilder vom Krieg

Bernhards Bild vom auseinandergebrochenen Deutschland ist symptomatisch für die unterschiedlichen Images, die Kinder in sich tragen, wenn sie „Krieg“ denken oder fühlen. Kinder haben andere Vorstellungen von Ursachen und Wirkungen, von Raum und Zeit wie Erwachsene. Deren  Phantasie und Logik brauchen Raum – auch wenn sie bedrohlich wirken. Die Methoden des Philosophierens mit Kindern können Räume öffnen, deren Zutritt Erwachsenen mit allzu konventionellen und moralisierenden Positionen in vielen Fällen verwehrt ist.

Kinder (und Erwachsene) in ihrer Haltung zum Krieg

Das Thema Krieg im Kontext mit Kindern ist jedoch nicht nur ein psychologisches oder pädagogisches, sondern immer auch ein ideologisches und betrifft deshalb auch Fragen der politischen Bildung. „Kinder wissen vom Krieg und verfolgen die Nachrichten darüber“, so der Friedenspädagoge Günter Gugel: „Fragen nach Zusammenhängen und Details sollten nicht abgewehrt, sondern nüchtern und sachlich beantwortet werden. Kinder spüren, wenn Erwachsene etwas nicht wissen oder ratlos sind. Viel besser, als das zu verbergen, ist es, mit den Kindern Antworten auf offene Fragen zu finden. Kinder halten die Betroffenheit, die Angst, die Wut von Erwachsenen über das Kriegsgeschehen aus, wenn diese sich als handlungsfähig erweisen und nicht ihre Ohnmacht auf die Kinder übertragen. Sie brauchen Erwachsene, die sich engagieren. Das gibt Ihnen Zuversicht und Vertrauen.  Kinder brauchen gerade in einer bedrohlich empfundenen Welt Sicherheit, emotionale Geborgenheit und Zuversicht für die Zukunft.“

 

Dipl. Päd. Hans Peter Graß MA
Geschäftsführer des Friedensbüros Salzburg, ausgebildeter Sonderschul- und Religionslehrer, dipl. Erwachsenenbildner, Leitung des Projektes „WhyWar.at“.

Literatur:

Claudia Winklhofer.  Flucht und Trauma im pädagogischen Kontext – Medieninhaber und Herausgeber: Pädagogische Hochschule. Salzburg 2016

Günther Gugel: Zum Umgang mit Kindern in einer schwierigen Zeit. Tübingen 1993

 

Workshop „Der Krieg und ich“

Krieg ist sowohl weit weg wie auch ganz nahe. Für die einen hat er viel zu tun mit eigener Geschichte, eigenen Erfahrungen und Ängsten. Für andere zeigt er sich vorwiegend in Nachrichten, Filmen, Büchern, Bildern oder Träumen. Für alle jedoch ist Krieg ein sehr verunsicherndes, emotionales und kontroverses Thema, das niemanden kalt lässt.

Doch was ist Krieg? Wie entsteht er, wie entwickelt er sich und was ist ihm entgegenzusetzen? Was macht er aus den Opfern, den Tätern und denen die zusehen?  Ist Krieg etwas, das immer anderen passiert oder macht er aus uns allen Beteiligte?

Krieg ist keine Naturkatastrophe. Er wird gemacht, er wird geführt, er kann verhindert und auch beendet werden. Das braucht Phantasie, Mut und viel Geduld.

Informationen: http://www.friedensbuero.at/workshops-seminare

 

WhyWar.at:

WhyWar.at ist ein Projekt des Friedenbüros Salzburg. Die Homepage bietet umfassende Informationen, Methoden und Links zum Themenbereich „Krieg und Frieden“ für SchülerInnen, LehrerInnen und Interessierte aller Art. Gleichzeitig ist WhyWar.at eine inhaltliche Grundlage für Schulprojekte, in denen sich SchülerInnen jährlich mit einem konkreten Krieg auseinandersetzen, sich interaktiv austauschen und gemeinsame Handlungsperspektiven planen.

 

 

 

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