„Kollektive Kränkungen“ – Ein Tagungsbericht

Welche Rolle spielen Emotionen und Kränkungen auf kollektiver Ebene? Wie wirken sie auf gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse ein? Inwiefern können Humor und Satire einen Beitrag zum konstruktiven Umgang mit kollektiven Kränkungen leisten?

Diese und weitere Fragen wurden im Symposium „Kollektive Kränkungen“ vertieft, das in Zusammenarbeit zwischen dem Friedensbüro Salzburg und dem Open Mind Festival von 17. bis 18. November 2017 an der ARGEkultur stattfand. Die Aktualität dieser Fragestellungen zeigte sich unter anderem am großen Interesse der Teilnehmenden: Die Veranstaltung war restlos ausverkauft.

Humor und Satire

   

 

 

 

 

Gerhard Haderer, Younes Al-Amayra und Isolde Charim diskutierten unter der Moderation von Elisabeth Klaus die Zusammenhänge von kollektiven Kränkungen und Satire.

Auftakt und Ende des Symposiums standen im Zeichen der Satire. Die kontroversen Auseinandersetzungen rund um den Karikaturenstreit in Dänemark, die „Böhmermann-Affäre“ oder die tödlichen Anschläge auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ verdeutlichen, dass Humor und Satire immer wieder auf zentrale Elemente von kollektiven Kränkungen treffen. Der Karikaturist Gerhard Haderer, der YouTube-Satiriker und Islam- und Politikwissenschaftler Younes Al-Amayra und die Philosophin Isolde Charim diskutierten im Rahmen der Auftaktveranstaltung die Frage, was Satire in diesem Zusammenhang soll, muss und darf. Dabei hatte das Podium bereits Erfahrung mit Menschen, die sich von ihrer Kunst gekränkt fühlten: So wurde Gerhard Haderer nach der Publikation seines Buches „Das Leben des Jesus“ im Jahr 2002 vielfach kritisiert, unter anderem von Vertretern von Kirche und Politik, und von der österreichischen Bischofskonferenz dazu aufgefordert, sich öffentlich zu entschuldigen. Schließlich wurde er angezeigt und in Griechenland wegen Blasphemie in erster Instanz verurteilt, in zweiter Instanz aber freigesprochen. Auch Younes Al-Amayra, seines Zeichens Teil der „Datteltäter“, berichtete von Anfeindungen von Personen, die sich durch seinen humoristischen Ansatz gekränkt fühlten, aber ebenso von anregenden Diskussionen. Isolde Charim betonte, dass Satire dann gut sei, wenn sie einen möglichen Diskurs eröffnet. Es bräuchte daher säkularisierte Räume des Austausches und des Diskurses in einer Gesellschaft voller unterschiedlicher Kollektive und Individuen. Einig war sich das Podium dabei, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse und -asymmetrien berücksichtigt werden sollten: Gegen Minderheiten zu hetzen, die ohnehin bereits diskriminiert werden, sei abzulehnen.  Letztlich solle aber jeder Satiriker seine eigenen Grenzen ziehen und auch mit den Konsequenzen umgehen.

Kollektive Kränkungen im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Kontext

   

Isolde Charim („Die populistische Lektion“), Klaus Ottomeyer („Kollektive Kränkungen als Ursache von gesellschaftlichen Gewalt- und Fanatisierungsprozessen“) und Nenad Vukosavljeciv („Erinnerungskrieg – Pulverfasslehren“). Moderation: Christine Haiden.

Kränkungen stellen einen wichtigen Faktor in Gewalt- und Fanatisierungsprozessen dar. Bisher wurden diese Zusammenhänge vor allem auf individueller Ebene beleuchtet. Die drei Vorträge von Isolde Charim, dem Psychologen Klaus Ottomeyer und dem Friedensaktivist Nenad Vukosavljevic leisteten einen Beitrag dazu, dem Phänomen auch auf kollektiver Ebene Rechnung zu tragen. Isolde Charim appellierte daran, die Bedeutung von Emotionen wiederzuentdecken und Politik nicht als reine Vernunftsordnung zu begreifen. Denn gerade diese Leerstelle würde von Populisten besetzt und instrumentalisiert. Im Anschluss daran klärte Klaus Ottomeyer den Begriff der Kränkung und beleuchtete aus sozialpsychologischer Sicht die Frage, welche Rolle kollektive Kränkungen im Bereich von Gewalt und Fanatisierung spielen. Dabei ging er auf zentrale Kränkungen der gegenwärtigen, vor allem westlichen Gesellschaften ein, wie etwa die Erosion traditioneller Geschlechterbilder. Nenad Vukosavljevic vom CNA – Centre for Nonviolent Action Sarajevo ging der Frage nach, was politische Gewalt, kollektive Identität und kollektive Viktimisierung mit selektiven Erinnerungen verbindet. Die zentralen Fragestellungen der Vorträge wurden am Nachmittag in Form von Workshops vertieft.

Das muslimische Satire-Khalifat und der Bildungsdschihad

 

 

 

 

 

Martin Salzbacher und Julia Bernerstätter.

Den Abschluss des Symposiums stellte ein Auftritt von lokalen Salzburger KabarettistInnen dar. Martin Salzbacher und Julia Bernerstätter heizten die Stimmung im prall gefüllten Saal ordentlich auf, bevor die „Datteltäter“ die Bühne betraten. Das selbsternannte muslimische Satire-Khalifat, dessen YouTube-Channel aktuell mehr als 63 000 AbonnentInnen zählt, lockte dabei zahlreiche junge Menschen aus ganz Österreich und Bayern an. Gegründet im Jahr 2015 als Antwort auf die extrem rechte Organisation Pegida will die fünfköpfige Truppe mit ihren Videos humorvoll auf unterschiedliche Problematiken hinweisen und Extremismus entgegentreten. Sie begreifen ihre Arbeit dabei auch als Bildungsarbeit und rufen zum „Bildungsdschihad“ auf.

Dass diese Arbeit Früchte trägt, zeigt unter anderem ein Salzburger Projekt von lokalen Nachwuchs-KabarettistInnen: Unter der Leitung von Nedzad Mocevic und in einer Zusammenarbeit von MUCAN Films und dem Friedensbüro Salzburg trafen sich sechs junge SalzburgerInnen, um gemeinsam ein humoristisches Video zum Thema Extremismus zu erstellen. Herausgekommen ist dabei „Familie Extrem Oğulları“, das es hier zu bestaunen gibt.

     

„Datteltäter“ und die DarstellerInnen von „Familie Extrem Oğulları“ mit Hans Peter Graß, Moderation: Nedzad Mocevic.

Fotos: © Michael Groessinger
Text: Kristina Langeder

TAGUNGSBEGLEITUNG (RTS)

Sabine Schüchner von RTS – Regionalfernsehen Salzburg hat das Symposium begleitet. Der Beitrag ist hier einsehbar.

 

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