Kriegserfahrung und Gewalt

Wenn Menschen vor Krieg und Verfolgung fliehen, sind sie nicht nur schutzbedürftig, sie haben im Gepäck auch viele (nicht nur) kriegsbedingte Probleme, die die Aufnahmegesellschaft vor große Herausforderungen stellen können. Diese nicht mit zu bedenken, würde Willkommenskultur zum kurzfristigen humanitären Akt reduzieren.

Im Gepäck tragen viele dieser Menschen traumatisierende Erfahrungen, die intensiver und nachhaltiger psychosozialer Betreuung bedürfen. Manche, insbesondere (aber nicht nur) junge Männer, die unmittelbar in kriegerische Auseinandersetzungen – auf welcher Seite auch immer – involviert waren, haben Aspekte einer Kultur der Gewalt verinnerlicht, die Nachkriegsgesellschaften auf Dauer beschäftigen und Zusammenleben beeinträchtigen können. Nicht zuletzt ist ein Großteil von ihnen mit einer Perspektivenlosigkeit konfrontiert, die sie in ihrer Heimat genauso wie in den Aufnahmeländern zu ohnmächtigen Hilfsbedürftigen degradiert mit der Gefahr, an den jeweiligen gesellschaftlichen Rändern hängenzubleiben.

Viele dieser Aspekte machen Menschen gewaltaffin. Unsere eigene Nachkriegsgeschichte ist voll von ähnlichen Erfahrungen und sollte uns sensibel dafür machen, wie wichtig es ist, dass Gesellschaften präventiv, interventiv und nachsorgend auf diese Problematik reagieren. Dafür bedarf es enormer Anstrengungen und Investitionen im Bereich der Bildung, der Sozialarbeit, der offenen Jugendarbeit, in psychosoziale und kulturell inkludierende Projekte. Gleichzeitig bedarf es eines glaubwürdigen Gewaltmonopols, in dessen Rahmen die Exekutive, die Gesetzgebung und die Vollziehung auch intensiv mit Projekten der Gewaltprävention und der Resozialisierung zusammenarbeiten. Für all diese Bereiche gibt es bereits erfolgreiche Beispiele, deren Ausbau und Forcierung nicht nur für Menschen mit Kriegserfahrungen gewaltmindernd und gewinnbringend sein können. Jede schulische, kulturelle, kommunale Initiative gegen sexualisierte oder kulturalisierte Gewalt bzw. zur Stärkung von Menschenrechten, Solidarität und Demokratisierung kommt letztendlich auch der Aufnahmegesellschaft zugute.

Menschen mit Kriegserfahrungen tragen aber nicht nur einen Rucksack mit Problemen mit sich, sondern auch einen solchen mit unverzichtbaren Kompetenzen. Wenn es uns gelingt, diese Fähigkeiten und Erfahrungen von Eltern, ErzieherInnen, PsychologInnen, KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, u.v.m. nicht vertrocknen und versanden zu lassen, sondern sie in die jeweiligen Heilungsprozesse mit einzubeziehen, wird unsere Gesellschaft mit Impulsen bereichert, die sie in der Auseinandersetzung mit eigenen Gewaltphänomenen sehr gut brauchen kann.

Hans Peter Graß (Geschäftsführer des Friedensbüro Salzburg, 11. Jänner 2016)

Land SalzburgStadt Salzburg Kultur
AK SalzburgGEASalzburger Sparkasse
Facebook