Wer den Wind sät.

9783406677496_largeDie Geschichte der nicht gerade von Selbstlosigkeit geprägten Einmischung westlicher Politik in allen Weltregionen mit geostrategischer bzw. ökonomischer Bedeutung ist eine Never-Ending-Story. Ganz in der Tradition Noam Chomskys geiselt der Journalist und Autor Michael Lüders die zynischen und gelegentlich humanitär verbrämten Argumentationen westlicher Akteure, wenn es darum ging, Interventionen, vornehmlich im Nahen und Mittleren Osten öffentlich rechtzufertigen – was im Übrigen in vielen Fällen auch gar nicht bzw. erst viel später notwendig war.
Lüders beginnt mit der nachkolonialen „Erbsünde“, dem Sturz der Mossadegh-Regierung im Iran und ihre Ersetzung durch eine pro-westliche Regierung im August 1953 durch US-amerikanische und britische Geheimdienste wegen der Pläne des demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten zur Verstaatlichung der Erdöl-Industrie.
Auch für die Interventionen im Irak, in Afghanistan, in Libyen und vielen anderen Krisen-Schauplätzen im Nahen und Mittleren Osten bringt Lüders zahlreiche Beispiele, die von strategischen Widersprüchen, moralischen Zynismen und offenen Unwahrheiten geprägt sind. Lüders zitiert dabei z. B. die US-Botschafterin April Glaspie, die 1991 vor der Invasion in Kuwait den irakischen Diktator Saddam Hussein mit den Worten bestärkt haben soll: „Ich weiß, dass Sie Gelder benötigen. Wir verstehen das, und wir glauben, dass sie die Gelegenheit erhalten sollten, ihr Land wieder aufzubauen (…). Wir haben keine Meinung zu innerarabischen Konflikten, auch nicht zu ihren Grenzstreitigkeiten mit Kuweit“. Er verweist auf Madeleine Albrights zynische Antwort auf den Hinweis, dass im Irak mittlerweise eine halbe Million Kinder gestorben sein und die Frage,  ob das den Preis wert gewesen sei“: „Ich denke“ so Albright, “das ist eine sehr harte Wahl, aber der Preis – wir glauben, dass es den Preis wert ist“. Von besonderer Widersprüchlichkeit zeugt ein Interview mit Zbigniew Brezinski, dem ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. „Frage: Und Sie bereuen nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt zu haben, in dem Sie künftige Terroristen mit Waffen und Knowhow versorgten? Antwort: Was ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“
Der Inhalt des Buches gäbe genügend Stoff für ausgeprägte antiwestliche, antiamerikanische bzw. antisemitische Stereotypen. Michael Lüders schafft diese Gratwanderung bravourös. Er  legt einen Band vor, der gut lesbar und genau recherchiert ist und sensibel macht für die unterschiedlichsten Mechanismen politischer Rankespiele, wenn es darum geht, Interessen durchzusetzen und gleichzeitig Humanität vorzugaukeln. HPG

Michael Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München, 5. Auflage 2015
Zur Bestellung

Land SalzburgStadt Salzburg Kultur
AK SalzburgGEASalzburger Sparkasse
Facebook