Frieden und Krieg im digitalen Raum

Cora Bieß arbeitet als Friedenspädagogin bei der Berghof Foundation sowie der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung. Sie promoviert an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zu Konfliktsensibilität im digitalen Raum.
Das Interview – geführt von Barbara Sieberth – ist im Kranich 03/2024 erschienen.
Kranich: Cora, in Deiner Forschungsarbeit beschäftigst Du Dich unter anderem mit der Darstellung von Frieden und Krieg im digitalen Raum. Wie trifft das Thema auf junge Menschen?
Cora Bieß: Durch die Art, wie digitale Medien heute zugänglich und verwendbar sind, verändert sich die Kommunikation über Krieg und die Darstellung von Krieg. Früher standen Heranwachsenden eher klassische Medien wie das Fernsehen oder Radio als Informationsquellen zur Verfügung. Kriegsinhalte werden dort geprüft und je nach Kanal kindgerecht aufbereitet. Mit dem Social-Media-Angebot heute hat sich das verändert. Kinder und Jugendliche kommen mit einem sehr bunten Potpourri an Inhalten in Kontakt, insbesondere bei Videoplattformen wie TikTok.
Diese Plattformen sind ja rund um die Uhr zugänglich, das führt dazu, dass Darstellungen von Krieg immer präsent sein können. Sie kommen häufig und auch ohne Vorankündigung daher. Sie tauchen zwischen einem lustigen Tanzvideo und einem Fußballvideo auf. Das können Darstellungen sein von kurzen Kampfhandlungen in Schützengräben oder Aufrufen zu Protestbewegungen oder auch sehr persönliche Erfahrungen.
Dies kann einerseits eine gewisse Nähe schaffen. Das kann sich in dem Wunsch ausdrücken, sich mit anderen jungen Menschen in Krisen- und Konfliktregionen zu verbinden, Anteil zu nehmen, ihre Perspektiven zu hören und vielleicht zu kommentieren, zu teilen und Solidarität zu zeigen. Auf der anderen Seite sind viele Inhalte verstörend, brutal, gewaltvoll und bergen die Gefahr der (Re-)Traumatisierung oder enthalten Hass und Hetze. Zudem besteht die Gefahr, dass Heranwachsende (unbemerkt) mit Desinformation in Kontakt kommen. Es tauchen Inhalte auf, bei denen nicht klar ist: Aus welchen Kontexten stammen sie? Welche Interessen stehen dahinter? Diese Einordnung ist oft sehr schwierig, da die Kommunikation auf Social Media sehr beschleunigt ist, auf TikTok werden beispielsweise in Dauerschleife neue Inhalte im Feed angezeigt.
Es gibt aber auch andere Trends, zum Beispiel Jugendliche, die TikTok als eine Art Kriegstagebuch nutzen. Sie berichten über ihre Alltagserfahrungen im Krieg oder porträtieren ihre Flucht. Auf diese Weise können Jugendliche ihre Perspektive auf den Krieg oder im Krieg aktiv einbringen, die in der Vergangenheit in der Gesellschaft oft ungehört blieb. Dies bietet die Chance, den Diskurs über Krieg und Frieden aktiv mitzugestalten.
Kranich: Ist das mehr Gefahr oder mehr Chance?
Cora Bieß: Diese Einschätzung ist sehr kontextabhängig und es kommt auch stark darauf an, wie Menschen Medien konsumieren. Auf TikTok ist der Feed zum Beispiel sehr individuell. Was eine junge Person angezeigt bekommt, muss nicht unbedingt bei der Freundin auch zu sehen sein. Durch die Individualisierung ist es sehr schwer, generelle Trends abzuleiten. Dazu kommt, dass auch eigene Vorerfahrungen und eigene Prägungen eine Rolle spielen. Bei einer vorhergehenden Gewalterfahrung besteht zum Beispiel die Gefahr für Retraumatisierung.
Kranich: Was sagen junge Menschen selbst dazu?
Cora Bieß: Meine Forschung mit jungen Menschen ergab schon ein großes Gefühl von Ohnmacht und Desillusionierung bei den befragten Jugendlichen. Häufiger wurde die Sorge geäußert, gar nichts verändern zu können in der Welt. Häufiger wurde auch geäußert, dass in den sozialen Medien sowieso alles gewaltvoll sei, das sei der Normalzustand und könne nicht geändert werden. Daraus resultiert eine Art Passivität, man wolle gar nicht aktiv werden, weil es keinen Effekt habe.
Kranich: Wie agieren Erwachsene in diesem Kontext?
Cora Bieß: Viele Erwachsene blicken mit berechtigter Sorge auf Inhalte in den sozialen Medien, die Gewalt, Hass, Hetze und Desinformation bis hin zu Propaganda verbreiten. Diese Sorgen sind oft mit der Angst vor Kontrolverlust verbunden, insbesondere im Hinblick auf die möglichen Folgen des Medienkonsums. Daraus entsteht häufig der Impuls, striktere Kinder- und Jugendschutzmaßnahmen in der digitalen Welt zu fordern oder einfach das Smartphone wegzunehmen. Alerdings haben Kinder und Jugendliche neben dem Recht auf Schutz auch ein Recht auf Teilhabe und Befähigung. Ein Verbot der Smartphonenutzung wäre daher keine angemessene Lösung im Sinne der Kinderrechte.
Um dem Gefühl der Ohnmacht entgegenzuwirken – dass man im eigenen Umfeld nichts gestalten kann, weil ales so von Gewalt geprägt ist – ist es entscheidend, dass die Friedensbildung Räume schafft, in denen Jugendliche sich austauschen können. Sie solen Möglichkeiten haben, zu teilen, wie sie sich aktiv für Frieden engagieren könnten, sowohl Peer-to-Peer als auch auf gesamtgeselschaftlicher Ebene. Es ist unsere Verantwortung als Erwachsene, Jugendliche altersgerecht bei diesen Themen zu begleiten, ohne dabei unsere Vorstelungen von Kindheit und Partizipation überzustülpen. Vielmehr solten wir ihnen Raum für ihre eigenen Perspektiven und Ideen geben.
Kranich: Wie könnten solche Räume der Beteiligung aussehen?
Cora Bieß: Meine Beobachtung ist – und das deckt sich auch mit Studien-, dass Jugendliche untereinander sich selten darüber austauschen, welche gewaltvolen Erfahrungen sie auf Social Media machen. Dadurch bleibt so ein Gefühl zurück, nur sie hätten solch eine Situation erlebt. Die Einordnung des Unrechts und der Gewalt fällt dann schwer oder findet gar nicht statt. Dies ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Bildungsakteur*innen. Indem wir traumasensible Räume schaffen, in denen über Gewalterfahrungen gesprochen werden kann, ermöglichen wir den Betroffenen zu erkennen, dass sie nicht allein sind und dass viele dieser Erfahrungen in strukturellen Ursachen verankert sind. Diese Erkenntnis kann eine Form von Empowerment sein und verdeutlichen, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein und Zivilcourage zu zeigen.
Auch im digitalen Raum kann Zivilcourage auf vielfältige Weise gezeigt werden. Es gibt Möglichkeiten, sich als Betroffene selbst zu wehren, beispielsweise durch das Melden von Inhalten oder das Blockieren von Usern. Es gibt die Möglichkeit von Dritten in akuten Situationen einzugreifen, indem Gegenrede gezeigt wird, und es gibt die Möglichkeit sich generell für ein friedliches Miteinander einzusetzen. Die von mir befragten Jugendlichen nannten zum Beispiel die Idee, dass jemand, der in einem WhatsApp-Chat Gegenrede leistet, schnell Unterstützung durch viele „Daumen hoch“-Reaktionen erhalten könnte. Dies würde der Person das Gefühl geben, in ihrer Haltung bestärkt zu werden. Der „Daumen hoch“ wurde von vielen als eine einfache, aber wirkungsvolle Form der Unterstützung wahrgenommen. Für diese Auseinandersetzung und Strategieentwicklung braucht es Räume. Die können digital, aber auch analog sein.
Kranich: Was kann Friedenspädagogik hier anbieten?
Cora Bieß: Als erwachsene Friedensbildnerin ist es mir wichtig, Adultismus kritisch zu betrachten, indem wir selbstkritisch darauf achten: gibt es in unseren Formaten den Raum, dass Jugendliche als Expert*innen ihrer Lebenswelt Teilhabe und Befähigung ausüben können? Darüber hinaus finde ich wichtig, dass Friedensbildner*innen sich der Gewaltstrukturen und Machtstrukturen bewusst sind, in denen sie agieren, auch im digitalen Raum. Denn Vieles von dem, was unter der Oberfläche im digitalen Raum passiert, beeinflusst massiv die Kommunikation und auch geselschaftliche Prozesse. Ein Beispiel: auf TikTok und Instagram gibt es zwei Phänomene, die massiv die Diskurse dort prägen, die aber nicht sichtbar sind.
Dies sind die Phänomene des sogenannten Shadowbannings und Shadowpromotings. Beim Shadowbanning werden Inhalte nicht gelöscht, aber ihre Reichweite wird stark eingeschränkt. Das bedeutet, sie erscheinen kaum noch im Feed, sodass für Konsument*innen – in unserem Fal Jugendliche der Eindruck entsteht, als gäbe es diese Stimmen nicht. So können bestimmte Gruppen oder Diskurse gesilenced, also unterdrückt und marginalisiert werden. Auf der anderen Seite gibt es das Shadowpromoting. Dabei werden Inhalte algorithmisch nach oben gepusht, sodass sie besonders prominent und dominant im Feed erscheinen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass diese Meinung die vorherrschende ist. Diese Phänomene können Einfluss auf die Wahrnehmung nehmen, die jugendliche Menschen von Gesellschaft, Krieg und Frieden haben. Das sind natürlich sehr große, machtvolle Einflussfaktoren, getroffen vom Management der Plattformen, die Jugendliche nicht sehen und nicht wissen können. Aber darüber eine Sensibilität zu schaffen in Friedensbildungsangeboten, erachte ich als sehr wichtig.
Kranich: Welche Ansätze sind gefragt, um gewaltfreie und konfliktsensiblen Umgang im Netz zu fördern?
Cora Bieß: Es gibt nicht den einen Ansatz. Eigentlich braucht es unterschiedliche Akteur*innen, die miteinander wirken. Sensibilisierungskampagnen. Zielgruppengerechte Unterstützungsangebote für Betroffene. Jugendliche haben ein Recht auf Schutz, aber auch auf Teilhabe. Dazu gehört das Recht auf Mediennutzung und das ist auch wichtig und gut so, deshalb ist es wichtig, den digitalen Raum kind- und jugendgerecht zu gestalten, zum Beispiel durch den flächendeckenden Ausbau von digitaler Streetwork. Wenn Jugendliche eine Gewaltsituation erleben, könnte ein Hilfe-Button auf alen Plattformen einen schnelen Zugang zu zeitnaher Unterstützung bieten.
Kranich: Welche Chancen siehst Du für digitale Friedensarbeit?
Cora Bieß: Ich sehe sie in der Möglichkeit, sich in Echtzeit zu vernetzen, über Ländergrenzen hinweg in Kontakt zu bleiben. Insbesondere für Kinder und Jugendliche, die durch die Nutzung von Smartphones die Möglichkeit erhalten, sich aktiv an geselschaftlichen Diskursen zu beteiligen, Kampagnen oder Petitionen selbst zu gestalten. Auch für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen bietet der digitale Raum eine große Chance. Gleichzeitig ist der digitale Raum Austragungsort gewaltvoler Konflikte und selbst in massive Gewaltstrukturen eingebunden. Mir ist es wichtig, diese Ambivalenz aufzuzeigen. Zu schauen, wie man Friedenspotentiale stärken kann und gleichzeitig genau diese großen gewaltvolen Machtverhältnisse in den Blick nimmt, die systemisch verankert sind und der Regulierung bedürfen.
Foto: Margarita Platis