No Blame Approach

Ein Blick hinter die Methode
Das Friedensbüro bietet seit dem Jahr 2017 Fortbildungen zum No Blame Approach an. Im Kranich 04/2025 erläutern die NBA-Expertinnen Barbara Wick und Martina Rumpl die Methode im Detail.
„Ich werde gemobbt!“ Sätze wie dieser sind an Schulen längst keine Seltenheit mehr. Das Wort Mobbing ist in den alltäglichen Wortschatz von Kindern und Jugendlichen eingezogen – und es bleibt. Während Schülerinnen und Schüler das Wort manchmal vorschnell verwenden, lösen Situationen, in denen Mobbing tatsächlich stattfindet, bei Lehrkräften, Eltern und pädagogischen Fachkräften große Sorge, Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. Denn echte Ausgrenzungsdynamiken sind häufig subtil, schwer zu erkennen und können eine Klasse langfristig belasten. Für das betroffene Kind, den betroffenen Jugendlichen können die Folgen gravierend sein: Angst, Rückzug, vermindertes Selbstwertgefühl, Konzentrationsprobleme, schulische Leistungseinbußen und soziale Isolation gehören zu den möglichen Konsequenzen.
Formen von Ausgrenzung gehören seit jeher zum menschlichen Zusammenleben. Wo Menschen in festen Gruppen zusammenkommen, dazugehören möchten und diese Gemeinschaft nicht ohne Weiteres wechseln können – wie in Schulklassen – entstehen Konflikte und im schlimmsten Fall systematische Ausgrenzung. Fast jede Person erinnert sich an erlebte oder beobachtete Ausgrenzung aus der eigenen Schulzeit.
Auch in unseren Workshops mit Schulklassen begegnen wir solchen Prozessen regelmäßig. Ausgrenzungsdynamiken entwickeln sich oft schleichend, unauffällig und zunächst fast unsichtbar. Ein Missverständnis, ein beiläufiger Kommentar oder eine kleine Auseinandersetzung kann sich über Tage und Wochen verselbstständigen. Einzelne abfällige Bemerkungen entwickeln sich oft zu wiederkehrenden Sticheleien, und schließlich werden ganze Gruppen in die Dynamik hineingezogen. Durch soziale Medien werden diese destruktiven Prozesse zusätzlich verstärkt und beschleunigt, was es Lehrkräften noch schwerer macht, das Geflecht zu durchschauen. Wer ist aktiv beteiligt? Wer passt sich an, um dazuzugehören? Wer schweigt aus Angst, selbst ins Visier zu geraten? Dieses Zusammenspiel von aktivem, passivem und beobachtendem Verhalten erschwert Interventionen erheblich, da es nicht ausreicht, einzelne Schüler*innen zu sanktionieren. Vielmehr müssen die sozialen Beziehungen, die Machtstrukturen und die Klassendynamik insgesamt berücksichtigt werden.
Die Idee hinter dem No Blame Approach
Um solche Prozesse frühzeitig und konstruktiv zu unterbrechen, wurde Anfang der 2000er Jahre in Großbritannien der No Blame Approach von Dr. Ken Rigby und George Robinson entwickelt. Beide hatten zuvor jahrelang mit Schulen gearbeitet und waren frustriert von klassischen Anti-Mobbing-Programmen, die vor allem auf Bestrafung und starre Täter-Opfer-Etiketten setzten. Sanktionen führten selten zu nachhaltigen Lösungen, Fronten verhärteten sich, und die betroffenen Kinder fühlten sich noch isolierter.
„Ihnen war klar geworden, dass es einerseits den Mobbing-Opfern selbst nicht möglich ist, Mobbing zu beenden, und dass andererseits – mit wenigen Ausnahmen – das Verhalten der meisten Mobber eher fehlgeleitet als pathologisch ist. Ihnen war ebenfalls bewusst, wie viel verborgene Macht und Kraft in der Gruppe der Gleichaltrigen vorhanden ist. Und sie kamen zu der Erkenntnis, dass es besser ist, alle an der Prozessdynamik Beteiligten Teil der Lösung anstatt Teil des Problems werden zu lassen.“
(Heike Blum & Detlef Beck, Shared Responsibility Approach, 2014, S. 10)
Aus dieser Erfahrung heraus entstand der Wunsch, einen Ansatz zu entwickeln, der Beziehungen stärkt und Verantwortung fördert, ohne die Beteiligten in starre Rollen zu pressen. Der No Blame Approach bewertet Mobbing nicht moralisch, sondern strukturell, mit dem Ziel, langfristige Veränderung zu ermöglichen. Es geht nicht um Schuldzuweisungen oder Bestrafung, sondern darum, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und die Klassengemeinschaft zu stabilisieren. Statt einzelne Täter*innen oder Opfer zu markieren, werden alle Beteiligten in die Lösung einbezogen – Unterstützende ebenso wie die direkt Beteiligten.
Systemische Perspektive: Angst, Dynamik und kleine Impulse
Aus systemischer Sicht entsteht Veränderung nicht durch einen einmaligen Eingriff, sondern durch viele kleine Impulse. Wenn mehrere Schüler*innen ihr Verhalten minimal verändern – beispielsweise eine Mitschülerin einbeziehen, auf eine Gemeinheit aufmerksam machen oder jemanden freundlich unterstützen – verschieben sich die sozialen Beziehungen im Klassengefüge. Die kumulative Wirkung solcher kleinen Handlungen kann nachhaltig sein und eine positive Dynamik erzeugen.
Kleine Gesten können enorme Wirkung entfalten: Ein bisher stiller Schüler setzt sich neben die ausgegrenzte Mitschülerin, zeigt Präsenz und signalisiert: „Du bist nicht allein.“ Eine andere Schülerin spricht während der Pause mit der Betroffenen, hört zu und zeigt Empathie. Wieder eine andere erinnert ihre Freundinnen daran, dass Hänseleien verletzend sind. Solche Schritte wirken zusammen, verändern das soziale Gefüge und reduzieren nach und nach Ausgrenzung und Konflikte.
Der Fokus liegt nicht darauf, die Person mit der größten Aggression zu identifizieren, sondern auf dem Zusammenspiel aller Beteiligten. Das bedeutet, dass sowohl direkte Beteiligte, passive Mitläufer als auch stille Beobachter*innen Verantwortung übernehmen können – nicht zur Bestrafung, sondern um die Situation zu verbessern. Diese Perspektive ermöglicht es, Mobbing als Ausdruck dysfunktionaler Interaktionen innerhalb der gesamten Gruppe zu verstehen, statt als individuelles Fehlverhalten einzelner.
Lösungs- und ressourcenorientierte Intervention
Die Umsetzung des No Blame Approach erfolgt in klar strukturierten Schritten. Zunächst wird der/die Betroffene in einem einfühlsamen Gespräch befragt, ohne Schuldzuweisungen, dafür mit klarer Aufmerksamkeit und Empathie. Danach folgt ein Gruppengespräch mit sechs bis acht Schüler*innen – sowohl Unterstützende als auch aktiv an der Ausgrenzung Beteiligte. Jede Person kann Empathie, Verantwortungsbereitschaft und kreative Lösungsvorschläge einbringen. Strafen entfallen bewusst, wodurch Abwehr, Scham oder Eskalation vermieden werden.
Nach einer gewissen Zeit erfolgen Einzelgespräche mit allen Mitgliedern der Unterstützergruppe, um das Verantwortungsbewusstsein zu festigen und die Verbindlichkeit der gemeinsam vereinbarten Schritte zu stärken. Die zentrale Botschaft lautet dabei: „Dein Verhalten muss sich ändern – doch du bleibst weiterhin Teil unserer Gemeinschaft.
Verbindung zur Haltung der Neuen Autorität
Der No Blame Approach fügt sich ein in das Konzept der Neuen Autorität. Beide setzen auf klare Verantwortung bei gleichzeitiger Wertschätzung der Person. Statt auf Strafen oder Machtdurchsetzung zu bauen, zielt der Ansatz darauf ab, Beziehungen zu stabilisieren, konstruktiv Einfluss zu nehmen und eine sichere Umgebung zu schaffen. Lehrkräfte bleiben präsent, handlungsfähig und respektvoll, wodurch die Selbstverantwortung der Schüler*innen gestärkt wird. Autorität wird sichtbar, ohne Angst zu erzeugen, Grenzen werden wirksam, ohne zu unterdrücken.
Verantwortung ohne Scham
Scham ist ein zentraler Faktor in Mobbingprozessen, der häufig unterschätzt wird. Lehrkräfte schämen sich, Situationen übersehen oder zu spät reagiert zu haben; Schüler*innen tragen Scham für ihr Mitwirken, Schweigen oder Beobachten; Betroffene schämen sich, in eine isolierende Rolle geraten zu sein. Scham wirkt wie ein sozialer Klebstoff, der Veränderung erschwert, Kommunikationswege blockiert und die Dynamik stabilisiert.
Fazit
Der No Blame Approach ist mehr als eine Methode zur Mobbingintervention. Er ist Ausdruck einer professionellen, beziehungsorientierten und deeskalierenden Haltung, die Kinder stärkt, Gruppen stabilisiert und Lehrkräfte entlastet. Ohne Schuldzuweisungen, aber mit klarer Verantwortungsübernahme, entsteht eine Atmosphäre von Sicherheit und Zugehörigkeit – die Voraussetzung für echte, nachhaltige Veränderung und eine konstruktive Klassengemeinschaft. Durch die Verbindung zu systemischem Denken, zur Neuen Autorität und zur ressourcenorientierten Pädagogik wird der Ansatz zu einem zentralen Werkzeug, um Mobbingprozesse nicht nur zu stoppen, sondern das soziale Lernen in der Klasse langfristig zu fördern.
Mag.a Martina Rumpl ist Erziehungswissenschaftlerin, Mediatorin und Supervisorin. Gemeinsam mit Mag.a (FH) Barbara Wick leitet sie im Friedensbüro die Ausbildungen zum „No Blame Approach“.