Politikunterricht verstehen und gestalten

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Carl Deichmann und Michael May legen mit dem Sammelband „Politikunterricht verstehen und gestalten“ (Springer 2016) einen umfassenden Beitrag zur Politikdidaktik vor, der in der Tradition des „situated learnings“ Politisches Lernen als einen von authentischen politischen Anforderungssituationen ausgehenden Prozess versteht. Die zentrale Kompetenz des Politikunterrichts sehen die Herausgeber daher in der Orientierungskompetenz und somit im Verstehen der politischen Realität. Im Sinne des hermeneutischen Ansatzes fokussiert der Band auf Strategien und Methoden, mit denen PolitiklehrerInnen und –didaktikerInnen Lernende in ihrem politischen Verstehensprozess unterstützen und deren Verstehensvorgänge rekonstruieren können.

Das Buch ist dementsprechend in drei Teile gegliedert. Im ersten und umfangreichsten Abschnitt werden unter der Überschrift „Verstehen initiieren“ Überlegungen zur Philosophie und der normativen Orientierung des Politikunterrichts ebenso wie didaktisch-methodische Arrangements subsumiert. In praxisnahen Ausführungen zeigen dabei fünf Beiträge verschiedene Wege auf, um Verstehensprozesse bei den Lernenden einzuleiten und zu unterstützen. So bietet etwa der Beitrag von Carl Deichmann ein umfassendes didaktisches Konzept, wie man Lernende ausgehend vom aktuellen Fallbeispiel der Ukraine-Krise zu grundsätzlichen Einsichten über internationale Politik führen kann. Darüber hinaus geht etwa Ingo Juchler anhand des Dokumentartheaters „Das Himbeerreich“ (Andreas Veiel) exemplarisch der Frage nach, inwieweit politisch-ökonomische Fragen im Politikunterricht behandelt werden können.

Im zweiten Teil werden unter der Überschrift „Verstehen rekonstruieren“ drei Beiträge zusammengefasst, die im Sinne des hermeneutischen Ansatzes die politischen Verstehensprozesse und deren Rekonstruktion selbst in den Fokus rücken. Marie Winckler erforscht in ihrem Beitrag das Verständnis und die Selbsterfahrung von Jugendlichen in politischen Prozessen, während Alexander Lötscher für einen diskursiven Ansatz der Politikdidaktik plädiert. Am Beispiel der Volksinitiative „Strom ohne Atom“ liefert der Autor Anregungen und Hinweise für einen kontrovers angelegten Unterricht, den er als Basis für politische Partizipationsfähigkeit sieht. Abgerundet wird dieser Abschnitt mit einem Beitrag von Dorothee Suchomel und Michael May, er sich anhand des Beispiels „Der Großinquisitor“ (Fjodor Dostojewskij) mit dem Einsatz von literarischen Texten im Politikunterricht beschäftigt.

Der dritte und letzte Abschnitt des Buches, „Rekonstruktionen kontrollieren“, betont die Wichtigkeit der methodischen Kontrolle der rekonstruierten Verstehensprozesse im Unterricht, um Verstehen tatsächlich „zu einer wissenschaftlichen Methode“ (Schoeffer 2010, S. 167, zit. n. Deichmann & May 2016, S. 10) zu machen. Einen besonders spannenden Beitrag liefert dabei Florian Weber, der in seinem Artikel der didaktischen Bedeutung von Emotion und Kognition auf den Grund geht und gegen das Verständnis von Politik(unterricht) als „,de-emotionalen Raum‘ rein rationalen Entscheidens“ (S. 11) argumentiert. Der Artikel von Benjamin Moritz beschäftigt sich mit Möglichkeiten der politischen Bildung an außerschulischen Lernorten, während Stefanie Kessler im abschließenden Beitrag die Subjektivität und Standortgebundenheit im Forschungsprozess erläutert.

Zusammenfassend ist den Mitwirkenden mit dieser Publikation ein umfassendes Werk der Politikdidaktik gelungen, das nicht nur mit Praxisbeispielen, sondern auch mit allgemeineren und auf weite Themenbereiche übertragbaren Ausführungen zu überzeugen weiß. Damit liefert es spannende Anregungen für PolitiklehrerInnen, Politikdidaktiker und Erziehungswissenschaftler, denen das Buch wärmstens empfohlen werden kann. Kristina Langeder

Carl Deichmann & Michael May (Hrsg.). Politikunterricht verstehen und gestalten. Springer Verlag: Wiesbaden 2016, 218 Seiten. Zur Bestellung

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